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Königswinter, 21.04.2019

Ostermarsch 2019 in Bonn


Karfreitag war es, genau, Karfreitag, als ich von meiner Website aus der Rubrik „von akuell bis generell“
nochmals den Artikel teilte „Die reglementierte Fröhlichkeit“, unter folgendem Link zu lesen:

https://rotpoetin.de/von-aktuell-bis-generell/Die-Reglementierte-Froehlichkeit

den ich im vorigen Jahr schrieb und nach dessen aktuellem Termin die Ostermärsche stattfinden.
Manchmal 2 Tage später, manchmal, so wie dieses Jahr, am nächsten Tag.


Ostermärsche haben eine lange Tradition, in Bonn wurde der Ostermarsch durch die Mitsinggruppe

„Hand in Hand“reaktiviert.


Mittlerweile sind an der Organisation viele Gruppen beteiligt.
Frieden und eine atomwaffenfreie Welt sind eben allgemeine Wünsche, der Ostermarsch eine Aktivität, an der viele teilnehmen.

Allerdings, die CDU, FDP, die habe ich dort nie gesehen, was schon viel über ihre Einstellung  zu Frieden und Atomwaffenfreiheit denken.


Ein traditionelles Ostermarschlied ist „Unser Marsch ist eine gute Sache“,

die wichtigste Passage lautet „Wir marschieren für ne Welt, die von Waffen nichts mehr hält und das ist für uns am Besten“

und da geben die Ostermarschmarschierer auch nie auf.


Waffen heißt Tod, Krieg, Menschenverachtung, Gefahr.

So wird in vielen Ländern Krieg geführt, Orte zerbombt, Menschen zerfetzt und Menschen fliehen vor der staatlich ausgeübten Gewalt, die andere Länder ihnen bescheren.

Flucht, genau, ein guter Übergang zu einer Frau, die ich heute kennen lernen  durfte und ein Gespräch mit ihr führen konnte.

Voranstellen will ich aber, dass wir in Deutschland ein Gesetz haben, ein neues Gesetz, dass Menschen bestraft, die Rettungskräfte behindern.

㤠323c
Unterlassene Hilfeleistung; Behinderung von hilfeleistenden Personen

(1) Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.“


Wir haben also in Deutschland ein Gesetz, dass Menschen bestraft, die Helfer behindern und Kapitänin Pia und ihre Crew wird kriminalisiert, aber nicht, weil sie Rettungskräfte behindern, sondern weil sie Menschen, flüchtende Menschen, vor Gewalt flüchtende Menschen, aus dem Meer retteten.
Da wird ihnen, der Besatzung der lUVENTA, die mittlerweile nicht mehr fahren darf, die Beteiligung an illegaler Einwanderung unterstellt.
In Klartext übersetzt bedeutet das: Es gibt Flüchtlinge, egal ob vor Gewalt, Krieg oder auch Hunger, die sollen nun im Meer absaufen, weil sie sonst illegale Einwanderer sind, so heißt es.

Da passiert eigentlich das Gegenteil von dem, was in der Ergänzung des Gesetzes im STGB über unterlassene Hilfeleistung steht.
Hier wird nicht bestraft, wer Hilfskräfte behindert, hier wird bestraft, der hilft.





Nun gebe ich das Gespräch wieder, das ich mit Kapitänin Pia Klemp führte:


Pia :   Ich habe u.a. auf dem Rettungsschiff lUVENTA mehrere Missionen im Mittelmeer gemacht um Menschen auf der Flucht aus Seenot zu retten. Ich war auch dabei als die lUVENTA im August 2017 in Italien beschlagnahmt wurde, wo sie bis heute an der Kette liegt, anstatt auf dem Meer zu sein und Leben zu retten und ich bin auch eine von 10 lUVENTA Crewmitgliedern gegen die in Italien wegen Beihilfe zur illegalen Einwaderung ermittelt wird. Das sind extrem krasse Anschuldigungen. Uns drohen bis zu 20 Jahre Haft und uns steht ein jahrelanger sehr sehr teurer Schauprozess bevor.
Und mit Solidarity at sey kämpfen wir jetzt für unseren Fall vor allem aber auch für das politische Anliegen, das damit Hand in Hand geht. Das kann nicht sein, dass Solidarität mit Menschen in Not
kriminalisiert wird und es kann nicht sein, dass mit allen Mitteln das zivile Engagement im Mittelmeer unterbunden wird und zu dem Tod von so vielen Menschen führt.


rotpoetin: Das heißt, der Prozess findet wo statt?


Pia : Der Prozess wird in Trapani auf Sizilien statt finden.

rotpoetin: Da ist aber auch Demokratie, oder? (Anmerkung: man könnte daran zweifeln)

Pia : Eigentlich ist Europa angeblich Demokratisch...


rotpoetin: ...demokratischer Rechtsstaat, da wird man bestraft, wenn man Menschenleben rettet.


Pia :  Genau, ganz klar wird hier die Justiz für politische Zwecke missbraucht, gerade nach dem Rechtsruck in Italien und dem Amtsantritt von dem Innenminister Salvini, der ganz weit rechts-außen steht, den ganzen Tag fröhlich Mussolini zitiert, ja, hat sich die Stimmung dort sehr verändert
und laufen große Schmier- und Hetzkampagnen gegen die Arbeit von NGO´s und zivilen Seenotrettern einige reagieren damit der Protest gegen uns (leider ist die letzte kurze Passage durch laute Nebengeräusche unverständlich aufgenommen)

rotpoetin: Würdest Du denn sagen, dass Europa verdient hat die Menschenrechte zu achten, dass da überhaupt noch irgendwas in Ordnung ist politisch?


Pia : Also ich finde es absolut lächerlich, wie sich der Friedensnobelpreisträger Europäische Union den ganzen Tag selber dafür abfeiert, dass sie gerade jetzt im Zuge der EU- Wahlen die vermeintlichen Werte von allen Seiten viel beredet und beschworen werden und man dann gleichzeitig nichts davon im Handeln umgesetzt sieht. Dass das Mittelmeer die tödlichste Außengrenze der Welt ist, also Europas Außengrenze ist die tödlichste Grenze der Welt. Das ist kein Unfall, keine Naturkatastrophe, das ist Politik menschengemacht und zwar von der EU Politik gemacht.


Rotpoetin: Kann das sein, dass viele Menschen gar nicht wissen, was das bedeutet? Menschen sterben ja nicht, die verrecken, die müssen zugucken, wie ihre Kinder verrecken, die Kinder müssen zugucken, wie ihre Eltern verrecken. Das ist ja kein sauberes sterben. Es wird ja immer von sterben gesprochen, das ist ja eine Begriffsverwirrung.


Pia : Das ist ein ganz schrecklicher, elender Tod. Sehr qualvoll auf sovielen verschiedenen Ebenen, das kann sich vielleicht nicht jeder vorstellen, wie das ist, zu ertrinken. Aber was gerade Menschen in Europa und vor allem in Deutschland noch wissen sollten ist, was Flucht bedeutet. Denn wir haben alle noch irgendjemand in unserer Familie, der auf die ein oder andere Art und Weise alles zu verlieren hatte. (sehr viele Nebengeräusche)


rotpoetin: Wir leben ja auch im christlichen Abendland, das gerettet werden soll. Also mein persönlicher Eindruck, wenn ich den mal dazwischen schieben darf, ist:
Unter Nächstenliebe verstehen die Christen mittlerweile, sie stellen sich morgens vor den Spiegel und sagen „Mein Nächster, ich liebe dich über alle Maßen.“.
Aber die Nächstenliebe ist doch schon längst abgesoffen im Mittelmeer.


Pia : Das ist definitiv. Es zeugt von einem sehr kaputten Wertesystem, wenn für eine abgebrannte Kirche oder Kathedrale innerhalb von 2 Tagen 1 Milliarde Euro zusammen kommen und natürlich

ist es schon wichtig Kunst und historische Bauwerke zu schützen und wieder aufzubauen darum soll es gar nicht gegen die gehen, die für Notre Dame gespendet haben, aber wenn man sich anschaut wievielen Menschen es schlecht geht, mit wie wenig Geld die NTO´s im Mittelmeer ihre Operationen durchführen müssen, dann ist es schon sehr erschreckend, wofür auf einmal Geld da ist,von so vielen Seiten und wo es schon so lange fehlt.

rotpoetin: Also, es ist eine Werteverschiebung oder Werteumkehrung vom Emotionalen ins Materielle. Die Materiellen Werte stehen eher im Vordergrund. Wir leben ja auch im Kapitalismus, also Kapitalismus, Kapital hat ja auch nichts mit Menschen zu tun im Gegensatz zum Sozialismus, sozial ist ja der Mensch.


Pia : Genau, die ganze Problematik Flucht, hier in unserer Gesellschaft sind ja Hauptgrund der Flucht für viele Ursachen dieser kapitalistische Raubbau der betrieben wird, Ressourcenausbeutung,

die neumodische Versklavung von Menschen,  der Neokolonialismus.
Ja, wer über Fluchtursachen spricht, der darf vom Kapitalismus nicht schweigen, denn der führt uns dahin. Genau so ist auch diese Gier und die Angst vor materiellem Verlust und die Verweigerung solidarisch zu sein auch etwas, was Hand in Hand mit dem System Gier geht.


rotpoetin: Ich glaube, manchmal wissen wir in Deutschland gar nicht mehr, was Solidarität bedeutet. Ich muss sagen, mir macht diese Zeit Angst. Eben sagte noch jemand 1936/37 hätten viele noch gedacht, es passiert ja nichts und sind in Deutschland geblieben.
Ich glaube, wir leben in einer ganz gefährlichen Zeit, wir haben wieder Nazis. Die mischen offiziell mit, die sind mit im Bundestag.


Pia: Das macht auf jeden Fall Angst und es ist jetzt schon zu spät, wenn man sich anschaut diese tödlichste und menschenverachtende EU-Grenzpolitik, die ist zustande gekommen mit einem Parlament, das noch vor dem großen Rechtsruck zustande gekommen ist. Das, was dann nach den Wahlen im Mai passiert, wenn natürlich deutlich mehr Rechte im Parlament einziehen werden, dann wird natürlich nichts an dieser Situation verbessert und da ist es natürlich erschreckend, dass kein Aufschrei durch die Gesellschaft geht, dass wir mit aller Konsequenz vergessen, was wir eigentlich aus der Geschichte hätten lernen können, müssten und sollten, ja, das sind auf jeden Fall sehr besorgniserregende Zustände.

rotpoetin: Ich finde, dass Sarrazin so ein Wellenbrecher war mit seinen Äußerungen wie „produzieren nur Kopftuchmädel“. Von da an hörte man immer öfter den Satz: „Das wird man doch mal sagen dürfen.“.
Dann wird was gesagt: „Ich bin ja kein Nazi, aber... das wird man doch mal sagen dürfen.“

Ich glaube, das war der Beginn des wirklichen Rechtsrucks, dass die Leute das jetzt im Alltag, mitten in der Bevölkerung,  angekommen ist, das wird man doch mal sagen dürfen. Der sagt das ja auch. Das finde ich absolut gefährlich. Dass das in der Bevöllkerung, im Alltag schon völlig fest sitzt.


Vielen Dank nochmals an Kapitänin Pia Klemp für dieses interessante Gespräch.




Schon in diesem Gespräch wird deutlich, dass die Ostermärsche ein wichtiges politisches Zeichen setzen.
Bei den Ostermärschen handelt es sich auch nicht um eine Partei, die ihr Programm umsetzen will, sondern um eine ganze Menge Gruppen, die sich aus den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppierungen zusammensetzen, und die alle die gleichen Ziele haben:

Wir wollen Frieden weltweit und wir wollen keine Atombomben.

Und dabei geht es eben um die Bevölkerung, die von Krieg und Atombomben betroffen ist.

Dass es auch Parteien gibt, die sich dafür nicht interessieren, ist klar, damit zeigen sie dann auch, dass sie sich nicht für die Belange der Bevölkerung interessieren, sondern für die Interessen der Rüstungsindustrie und der Krieg beginnenden Länder, so auch die USA, die immer noch in Deutschland Atombomben bunkert, die von Deutschen Soldaten bewacht werden und mit dessen Attrappen deutsche Bundeswehrpiloten Übungsflüge veranstalten. Man kann nur hoffen, dass es wirklich Attrappen sind. Manche denken ja, Atombomben, ach, da passiert nichts mit, die sind sicher, wie die Atomkraftwerke.

Dachten ja viele, bis sie durch Tschernobyl eines besseren belehrt wurden.
Und das nächste Unglück kann in Europa stattfinden, Belgien, Frankreich oder eben durch in Deutschland stationierte Atombomen.

Die Ostermärsche sind eine der wichtigsten Aktionen überhaupt.
Es geht bei politischen Entscheidung,also Deutschland führt Krieg, liefert Waffen in Kriegsgebiete,möglichst an beide Kriegführenden Parteien, um unser Leben, das unserer Kinder, Enkel und nachfolgender Generationen.


Gestern in Bonn, ja, da waren von den Naturfreunden über die DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) bis  hin zu Attac viele Gruppen mit Ständen für die Kundgebung.

Diverse SprecherInnnen traten auf der Bühne auf und Musiker, so Anna Haigis, der Liedermacher Gerd Schinkel und sein Bassist G.W. Spiller, die Mitsinggruppe „Hand in Hand“, der Name ist schon Programm, musizierte instrumental und singend auf dem Weg vom Sammelplatz bis zur Kundgebung.



Bernhard Bergmann von den Naturfreunden Bonn hielt das Schlusswort bei der Kundgebung, kraftvoll und überzeugend wie immer:



Es war eine sehr offene Atmosphäre, das Klima war, im Gegensatz zum Wetterklima, friedlich und ungefährlich.
Eine kurdische Gruppe war am Ostermarsch beteiligt, weil auch autonome kurdische Gebiete von der Türkei bombadiert wurden.

Wenn man soviele Nachrichten liest und hört, dann ist der Ostermarsch mit seiner Kundgebung ein Hoffnungszeichen.


Während eines kurzen Zeitraumes des Schreibens läuteten die Glocken einer katholischen Kirche zum „Gottesdienst“.Mir scheint, der Dienst am Menschen ist wichtiger, damit nicht noch mehr Menschen an menschenverachtender Polik sterben.






 
 
 
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