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Wie wirklich ist die Wirklichkeit, für die, die Entscheidungsgewalt haben?


  

Wie ist das mit der Wirklichkeit, in den Krankenhäusern, in Rehakliniken,    überhaupt überall da, wo auf medizinische Hilfe angewiesene Menschen sich hinwenden müssen.       

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine schwere Depression, Sie sind nicht ambulant behandelbar, müssen Antidepressiva einnehmen und deshalb ist ein stationärer Aufenthalt notwendig. 
Es fängt an ihnen etwas besser zu gehen und sie möchten darüber reden, über die    Trauer, aber auch die Wut, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit. 
Sie gehen zum Pflegepersonal und da wird ihnen dann gesagt: „Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss arbeiten.“ 

Nun bin ich versucht zu sagen: 
"Finden sie den Fehler. "
Haben Sie ihn gefunden? 
Freundlich war der Pfleger, die Pflegerin, aber, in einem Psychiatrischen Krankenhaus hat das Pflegepersonal nicht einmal die Zeit sich Zeit zu nehmen für die, für die das Gespräch als Therapie zur Linderung ihres Leidens maßgeblich ist. Bei Depression existentiell wichtig. 
Da läuft etwas schief, ganz gewaltig. 

In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts lag ich als Patientin in einem kleinen Krankenhaus in der Eifel. Bei der Visite drehte sich der Chefarzt, ein lieber Mensch und wirklich gläubiger Christ, zum Personal um und sprach (sinngemäß zitiert): 

„Ich war auf einer Fortbildung, bei der es auch darum ging, dass es in Krankenhäusern für alles eine bestimmte Zeit gibt: Für das Medikamente richten und verabreichen, für das Patienten waschen, für das Bettenmachen usw., aber nicht für das Gespräch mit dem Patienten. Wenn das so ist, dann machen wir in den Krankenhäusern und speziell in den katholischen Krankenhäusern einen großen Fehler.“ 

Wenn er sähe, wie schlimm es noch geworden ist, würde er sehr darunter leiden.    Es stehen Aufgaben im Vordergrund, die nur indirekt mit dem Patienten der Patientin zu tun haben wie Medikamente richten, dokumentieren und weiteres.    

Der Patient ist enttäuscht, frustriert, der Pfleger, die Pflegerin genervt, weil sie mit ihrer de facto Arbeit immer wieder unterbrochen wird, nicht fertig wird, es gibt Spannungen bei den Patienten.    
Das Pflegepersonal ist nicht böse oder gleichgültig oder unwillig, sie sind nur in einer Situation, die für sie während der Ausbildung noch nicht absehbar war, sie sind oftmals mit der Arbeit fern der Patienten, im Stress, überlastet. 
Das beinhaltet aber auch, dass sie sich von den Leiden distanzieren müssen, denn sonst verlieren sie ihre Arbeits- oder Berufsfähigkeit.    
Kliniken und Krankenhäuser haben heute massive Schwierigkeiten Pflegepersonal zu finden. 

Arbeitsbedingungen sprechen sich eben schnell rum und wer will schon verheizt werden.   

Wenn es einem richtig schlecht geht, kann man dann schon mal denken, es herrsche Gleichgültigkeit, aber das Pflegepersonal ist der Puffer zwischen denen, die die Regeln vorgeben, das sind letzten Endes die Entscheidungsträger der Politik, mit Entscheidungsgewalt, wobei ich das Wort „Gewalt“ bewusst nicht geändert habe, denn Puffer sind dazu da, Schläge aufzufangen, egal aus welcher Richtung.    

Dass heute Arbeitnehmer generell vieles in Kauf nehmen, um ihre Arbeit zu behalten, das müsste jedem klar sein, denn wenn sie ihre Arbeit verlieren, woran sie in den seltensten Fällen selber schuld sind, werden sie gerne gesellschaftlich als „Sozialschmarotzer“ geächtet.    
Richtig wäre, wenn Pflegepersonal streikt, wegen der herrschenden inhumanen Arbeitsbedingungen, dass wir, die wir potentielle Patienten sind, wann und wo und warum auch immer, uns solidarisch erklärten und mit auf die Straße ziehen würden, um einen Aufschrei ob der herrschenden Bedingungen in Pflegeberufen, die auch hier die Bedingungen der Herrschenden sind, zu starten, der nicht zu überhören wäre.    
Immerhin sind wir alle irgendwann abhängig vom Pflegepersonal. 
Alle? 
Oh nein, eine kleine Clique, nämlich die, die bestimmen, die, die kassieren und im Verhältnis zu denen, die uns pflegen, ein Heidengeld verdienen, nein, einnehmen, sie verdienen es nicht, die können sich ihre Pfleger kaufen, einfach so.    

Die Arbeitsverhältnisse im Pflegeberuf sind also mehr als zu kritisieren, sie sind abzulehnen. Da werden Menschen verheizt, die Bezahlung ist nicht angemessen, in privatisierten Krankenhäusern geht es nur um Profit, der Mensch ist Mittel zum Zweck.    
Und trotzdem gibt es sie, die, die trotz aller Strapazen Mensch geblieben sind, mitfühlend und Zuwendung gebend.    So zur Advent- und Weihnachtszeit, in der sie sich trotz des Druckes bemühen, es für die Patienten angenehm und schön zu gestalten.    
Und so reicht schon ein schön geschmückter Adventkranz zu zeigen, es gibt noch das Leben, es gibt sie die Hoffnung, es gibt sie, die hochgepriesene Nächstenliebe, auch von Nicht-Christen.    
Das ist es, was uns gesunden lässt, heilt und hoffnungsvoll bleiben lässt.    
Durch Menschen, die für uns arbeiten, trotz der Schwere des Berufes das Schöne und Wichtige nicht vergessen. Sie dürfen wir nicht vergessen, niemals!       
Deshalb will ich mit diesem kleinen Artikel für Solidarität mit dem Pflegepersonal werben. 
Wenn jemand liest, da findet eine Demonstration statt, für das Personal, für bessere Arbeitsbedingungen, für bessere Bezahlung, Leute, geht hin, demonstriert mit, irgendwann seid sonst ihr vielleicht jemand, der Pflegepersonal erlebt, das nur noch müde ist und erschöpft.
    
Von denen, die Entscheidungsgewalt haben, haben wir außer Gewalt nichts zu erwarten, denn ihnen fehlt die Abstraktion, sich die Arbeit anderer, die schwere Arbeit, vorzustellen.    Vor allen Dingen fehlt ihnen aber das soziale Gewissen und wenn der Begriff „sozial schwach“ irgendwo angemessen ist, dann in Bezug auf die, die bestimmen und nur ihre eigene kleine Welt kennen. 


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